Die Holzdecke
Die Holzdecke
Ich liege im Wohnzimmer. Auf unserem Sofa. Oft Tag und Nacht, weil mir die Treppe im Haus so viel Energie raubt. Wenn ich diese gehe, fast ausschließlich auf allen Vieren. Oder ich ziehe bzw. halte mich links und rechts an Geländer und Eisengestell gewaltig fest, aus Angst, um nicht doch mal den Boden unter den Füßen zu verlieren, weil mir meine Beine einfach nicht gehorchen. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich liege also auf dem Sofa und schaue an die Decke. Es ist eine Holzdecke.
Eine Holzdecke aus den 80er Jahren. Nicht schön, nicht außergewöhnlich, eben nur eine Holzdecke. Sogar eher altmodisch, aber eben nicht antik, sondern nur nicht mehr zeitgemäß. Wie oft habe ich darüber nachgedacht diese runter zu reißen. Wie oft habe ich mir gewünscht sie zu entfernen. Weg damit. Oder wenigstens überstreichen. Anmalen, bekleben oder was weiß ich? Hauptdache nicht mehr dieses altbackene Gestüm über mir. Ich weiß gar nicht was alles so möglich wäre oder was es noch für Möglichkeiten gäbe, daran etwas zu ändern.
Der eine Versuch, den ich einmal startete, sie zu überstreichen, blieb ernüchternd und ist seit dem der hässlichste Blickfang im ganzen Raum🫣, obwohl ich extra eine Ecke gewählt hatte, in die man nicht direkt schaut.
Nun ja. Passiert. Das liegt nun ca. acht bis neun Jahre zurück. So vergingen also die Jahre. Alles blieb genau so. Die Decke. Die Ecke. Also der missglückte Versuch sie zu streichen und der immer erste Blick auf diese Stelle, wenn ich den Raum betrete. Lediglich die Tapete wechselte ab und zu, so dass es optisch zu einer gewissen Abwechslung und vor allem Ablenkung kam.
Bereits über drei Jahre, verbringe ich nun, die meißte meiner Lebenszeit auf dem Sofa. Nicht, weil ich so faul bin oder es nichts zu tun gibt, sondern weil mich meine chronischen Erkrankungen und ME/CFS dazu zwingen. Liegen, Aushalten, Abwarten. Manchmal kann ich kleine, wenige Dinge erledigen, manchmal ist Dasein zu viel.
Und dabei starre ich an die Decke. Gelegentliche Positionswechsel und das umstellen der Möbel im Raum (dafür ein fettes Dankeschön an meine Kids!) sorgen für andere Blickwinkel und ermöglichen mir Perspektivwechsel. Das tut gut, aber die Decke bleibt. Die Ecke ist tatsächlich im Zuge einer Wandgestaltung unsichtbar gemacht worden, worüber ich sehr dankbar bin. Trotzdem ist die Decke unverändert da. An ihr werde ich, so glaube ich, in diesem meinem Leben, aus eigener Kraft nichts mehr ändern können. Nun ja.
Und dann lese ich heute Morgen diese Verse:
Okay. Was fürchte ich? Dass diese Decke immer so bleibt. Mein Leben lang. Und was glaube ich? Ich öffnete meine Augen und was sah ich? Ich sah an die Decke und ich glaubte, dass sich an ihr, meiner lieben Decke, nichts ändert.
Ja, ok, das war mit Sicherheit nicht damit gemeint. Ich musste selbst schmunzeln und bin sicher Gott schmunzelte über mich und meine Gedanken. Also wählte ich einen zweiten Weg um mir heute von Gott etwas sagen zu lassen.
Ein zufälliger Bibelvers, der angezeigt wird, wenn ich mein Handy an ein Armband halte, dass über eine NFC- Verbindung gesteuert wird. Dran halten, laden lassen und zack, ein Bibelvers.
Und dort stand heute (ich habe leider keinen Screenshot gemacht), also sinngemäß, dass ich dankbar sein soll. Dankbar. Und mein Blick klebte förmlich an der Decke. Dankbar? Ehrlich? Ich hing in meiner Gedankenschleifer fest. Für diese Decke? Dankbar? Schier unmöglich, dachte ich. Ich schmunzelte erneut. Dann sammelte ich mich, schloss die Augen und wollte das ganze mal ernsthaft betrachten. Was will mir Gott damit sagen? Trotzdem blieben meine Gedanken wörtlich an der Decke kleben. Dankbar? Für Diese Decke? Über die ich mich seit unserem Einzug aufrege? Also betrachtete ich es mal anders. Was wäre wenn?
Überlegte ich. Und plötzlich erkannte ich Vorteile. Was wäre, wenn die Decke weiß wäre? Wie Wahnsinnig kann man werden, wenn man lange an eine weiße Decke starrt. Wie kalt wirkt ein Raum, der reinweiß ist? Wieviel Dreck und Arbeit würde es machen und was würde es Kosten eine vollständig intakte (bis auf meinen künstlich erzeugten Schönheitsfehler) also intakte Decke abzureißen und neu zu machen?
Plötzlich sah ich Wärme in dem Holz. Wenn die Decke auch nicht modern war, sie machte es wohnlich und warm. Jedes Brett hat eine andere Maserung. Maserungen, die keine Unruhe schaffen, aber die Phantasie anregen können. Eine Holzdecke schafft es, wenn der Raum hell erleuchtet wird, das Licht in warmes Licht zu verwandeln. Meine Holzdecke ist so fachmännisch angebracht, dass sie mir nicht auf den Kopf fällt. Usw.
Ich wurde dankbar. Langsam, aber dankbar. Dankbar, für die kleinen Dinge, die ich erkennen konnte. Dankbar für eine Holzdecke, die ich, seit wir das Haus bezogen hatten, einfach nur scheußlich fand. Dankbar dafür, dass Gott meinen Blickwinkel verändert hat. Dankbar und ruhig. Denn Dankbarkeit lässt ruhig werden. Mit nur ein paar Worten aus der Bibel. Über die ich zunächst schmunzelte und die Augen rollte, mir dann aber doch die Augen geöffnet wurden und alles viel ernster war als erwartet.
Danke Gott, dass du mir die Augen geöffnet hast und mich dankbar werden lässt. Immer wieder neu. Wenigstens für heute. Wenigsten über meine Holzdecke.
Und jetzt schmunzeln wir wieder beide. Gott und ich. Über mich. Und über meine Holzdecke. Ich werde sie nicht lieben. Aber ich kann jetzt dankbar sein. ♡


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